27.11.2012 18:00

Aus der Geschichte des fränkischen Dorfes Kühnhardt am Schlegel

Text und Bilder haben wir mit freundlicher Genehmigung von P.Passeck und H.Geiß übernommen.

Inhalt

Die geographische Lage des Dorfes Kühnhardt am Schlegel

Die Geschichte des Dorfes

Die Not der Kühnhardter Bauern

Die Reformation, ein Trost für die notleidenden Bauern -
Wie die Neuzeit die Geschichte Kühnhardts prägte

Das Wirtschaftswunder und seine Auswirkungen in Kühnhardt.

Das Wahrzeichen Kühnhardts und seine Bedeutung

 

Die geographische Lage des Dorfes Kühnhardt am Schlegel

Wenn heute Reisende aus aller Welt auf der romantischen Straße von Füssen nach Würzburg fahren und die mittelalterlichen Städte wie Externer Link Dinkelsbühl und Externer Link Rothenburg mit ihren ehrenwürdigen Baudenkmälern bewundern, so wissen bestimmt viele von ihnen nicht, dass schon im Mittelalter eine Verbindungsstraße von Augsburg nach Würzburg führte. Es war eine bekannte Heeres- und Handelsstraße. Wie eine Schnur, auf der die alten Städte Augsburg, Donauwörth, Nördlingen, Dinkelsbühl, Rothenburg und Würzburg wie Perlen gereiht waren, zog sich die Heeresstraße durch Schwaben und Franken.

Mosbach im fränkischen Wörnitztal.

Mosbach im fränkischen Wörnitztal.

An dieser bedeutenden Straße lag auch Mosbach, ein Dorf, das vier Kilometer westlich von Feuchtwangen und abseits vom großen Verkehr im ruhigen Wörnitztal liegt. In Mosbach steht eine alte trutzige Wehrkirche, die auch heute noch von einer hohen Schutzmauer umgeben wird. Durch Jahrhunderte hindurch hat diese Kirche den Bewohnern der fünf umliegenden Ortschaften in Kriegs- und Notzeiten Schutz geboten. Diese fünf Ortschaften gehören auch heute noch zur Kirchengemeinde wie zur politischen Gemeinde Mosbach. Es sind die Dörfer Bergnerzell, Reichenbach, Tribur, Seiderzell und Kühnhardt am Schlegel, über das ich hier berichten will.

Kühnhardt am Schlegel liegt 1,5 Kilometer westlich von Mosbach. Um das Dorf zu erreichen, muss man die beiden alten Holzbrücken überqueren, die über die Wörnitz führen. Wenn man auf der Wörnitzbrücke stehenbleibt, so kann man dem ruhigen Lauf der Wörnitz folgen, die sich wie ein silbernes Band mit vielen Windungen durch das breite fruchtbare Tal zieht. Beiderseits des Flusses breitet sich ein frischer Wiesengrund aus, dem sich fruchtbares Ackerland anschließt. Zu beiden Seiten wird das Wörnitztal von zwei bewaldeten Höhengrenzen begrenzt, die noch zu den Ausläufern der Frankenhöhe gehören.
Nähern wir uns daher unserem Ziel, Kühnhardt am Schlegel.
Das Dorf liegt eingebettet in eine kleine Talsenke, inmitten frischer Wiesen und Äcker. Gegen Westen schützen der Mühlberg und der Klöpfer, das sind zwei Erhebungen des westlichen Höhenzuges, das Dorf vor allzu heftigen Westwinden.

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Die Geschichte des Dorfes

Kühnhardt am Schlegel ist ein Straßen- oder Reihendorf, das schon in früher Zeit, so berichtet eine alte Chronik, einen recht guten Eindruck machte. Kühnhardt ist ein altes Dorf, eine genaue Jahreszahl für die Anfänge des Dorfes kann man leider nicht erfahren, sie liegt begraben im Dunkel der Zeit.

Nur der Name "Kühnhardt" lässt uns etwas auf die Entstehungszeit schließen. Kühnhardt, dessen Schreibweise im 14. Jahrhundert "Köhnhardt", auch "Kenhardt" war, bedeutet so viel, wie Föhrenwald. Es ist erwiesen, dass Orte, deren Namen auf Baumnamen hinweisen, Rodungsorte sind, die in der Staufferzeit gegründet wurden. Kühnhardt ist also ein Urort ( v. urbar), darauf deutet auch der zweite Teil des Ortsnamens "hardt". Die "hart" Orte wurden meist aus der Allmende, das ist das Land, das der Allgemeinheit, der Gemeinde gehörte und von ihr genutzt wurde, gerodet.

Urkundlich erwähnt wird Kühnhardt erst im 14. Jahrhundert. Aus alten Urkunden erfahren wir, dass im 14. Jahrhundert in Kühnhardt viele Grundstücke, ja oft ganze Bauernhöfe verkauft, oder dem Feuchtwanger Kloster geschenkt wurden. Es waren Lehensherren aus Dinkelsbühl, Rothenburg und Crailsheim, die ihre Kühnhardter Lehen weiterverkauften oder verschenkten. Die ortsansässigen Bauern hatten beim Verkauf ihrer Lehensgüter nichts zu sagen. Sie waren Leibeigene, die als solche ein schweres Los zu tragen hatten.

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Die Not der Kühnhardter Bauern

Durch die Leibeigenschaft kamen die Kühnhardter Bauern immer tiefer in wirtschaftliche Abhängigkeit und Unfreiheit. Die Lehensherren suchten nicht nur Geld und Gut von den Bauern zu holen, diese mussten den Lehensherren auch immer wieder Hand- und Spanndienste leisten. Auch der Kirche, die im Mittelalter eine große Macht besaß, mussten die Bauern den Zehnten geben.

Außerdem wanderte viel Geld der Bauern in die Ablasskasten. Nach einem Leben voller Mühsal und Pein wollten sich die Bauern durch den Ablasserkauf wenigstens die himmlische Seligkeit sichern. Schon im Jahre 1342 erhält die Kirche Mosbach, der auch Kühnhardt eingepfarrt war, vom päpstlichen Stuhl in Avignon den Jubiläums- oder Kardinalsablass, den die Bauern bezahlen mussten.

Kamen dann noch Notzeiten, so war das Maß des Elends voll, und gerade solche schweren Zeiten folgten im 15. und 16. Jahrhundert in der Gemeinde Mosbach rasch aufeinander. So berichtet die alte Gemeindechronik, dass das Jahr 1473 ein sehr dürres Jahr war. Alle Quellen versiegten im Wörnitztal , oft kam es zu Waldbränden und alles wurde von der großen Glut der Sonne versengt.

Im Jahre 1507 war es beim Säen schon so dürr, dass die Frucht erst auf Weihnachten aufging. Im Jahr darauf, also 1508, gab es wenig Garben, das die Mäuse fast allen Samen aufgefressen hatten. Ein Mißjahr folgte dem anderen, so herrschte vom Jahre 1508 bis zum Jahre 1515 eine große Teuerung im Land. Im Jahr 1523 wütete die Pest in der Gemeinde und aufgrund einer schlechten Ernte brach eine Hungersnot aus.

Unbarmherzig forderten die Lehensherren auch in den Notzeiten den Zehnten, die Willkür der Lehensherren lastete schwer auf den Bauern. Auf dem ordnungsmäßigen Weg konnten sich die Bauern nicht von dieser Last befreien, sie griffen deshalb zur Gewalt. Es kam zu dem Bauernkrieg, der im Jahr 1524 acht Tage nach Oster im Wörnitzgrund aufging und bis zum Freitag vor Pfingsten hier wütete. Es war der Bauer Hofmann aus Gumpenweiler, der acht Tage nach Ostern die Kunde vom Aufstand der Bauern auch nach Kühnhardt brachte. Er ritt den Wörnitzgrund auf und ab und munterte die Bauern auf, sich dem Aufstand anzuschließen. Nur zwei Bauern aus Kühnhardt wogen mit. Der Aufstand der fränkischen Bauern wurde niedergeschlagen und von den Herren furchtbar gerächt. Den beiden Kühnhardter Bauern wurde zur Strafe alle Finger abgehackt. Der Aufstand hatte nichts bezweckt.

Neue doppelt so schwere Lasten waren die Folgen des verlorenen Bauernkrieges. Auf dem Land getraute man sich nicht mehr zu klagen, weil auch die Seufzer bestraft wurden.

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Die Reformation, ein Trost für die notleidenden Bauern -
Wie die Neuzeit die Geschichte Kühnhardts prägte

Obwohl die Reformation vielen Menschen inneren Frieden gebracht hatte, fehlte es den Menschen am äußeren Frieden. Schon am Ende des 16. Jahrhunderts deuteten die Zeichen auf die schlimme Zeit des 30-jährigen Krieges hin. In der alten Gemeindechronik werden die Pest , Mißgeburten, Sterbevögel und Sternschnuppen als solche Vorzeichen angesehen. Auch wurde die Gemeinde von Bettlern, Zigeunern und anderen Streunern durchstreift. Auf der Heeres- und Handelsstraße, die durch das Wörnitztals führte, zogen die Soldaten. Der erste Durchmarsch auf der Heeresstraße war der des Herzogs von Lauenburg. Er zog nach Österreich. Seine Truppen brachten die Pest mit, an der im Wörnitztal viele Menschen starben.

Im Jahre 1627 waren pappenheimische Soldaten in Kühnhardt einquartiert. Der 42-jährige Bauer Andreas Meyer, der auch Soldaten im Quartier hatte, wurde von ihnen erschlagen und erst vier Tage danach begraben. Auch Michael Klinger, ebenfalls ein Bauer aus Kühnhardt, wurde von einquartierten Soldaten geschlagen und gemartert, er starb bald darauf.

1634 zogen die Schweden durch das Wörnitztal. Sie trieben es nicht besser als die vor ihnen durchgezogenen Truppen, deshalb flohen die Dorfeinwohner vor ihnen in die Wälder. Eine Wöchnerin, Katharina Hagen aus Kühnhardt, ist damals auf dem Weg in das benachbarte Dorf verschmachtet. Niemand kam ihr rechtzeitig zur Hilfe, da alle vor den Soldaten geflohen waren. Das Kind, das sie zur Welt brachte, starb vier Wochen nach ihrem Tode.

Die Sterbeziffern waren in den Jahren des 30-jährigen Krieges sehr hoch. Durchschnittlich starben in der Gemeinde Mosbach in einem Jahr 20 Menschen, im Jahre 1963 starben dagegen 158 Menschen.

Die Leute mussten ihre Toten selbst beerdigen und ihre Kinder selbst taufen, da vom Jahr 1631 bis zum Jahr 1660 weder ein Pfarrer noch ein Schulmeister in der Gemeinde waren. Wegen der großen Gefahr konnten die Kühnhardter Leute ihre Toten oft nicht zum Friedhof nach Mosbach bringen. Sie begruben ihre Toten in Äckern nahe Kühnhardt. Noch heute heißen die Äcker die Totenäcker.

Als sich in den Krieg gegen Deutschland auch noch die Franzosen einmischten und sich mit den Schweden verbündeten, wurde das Morden im Lande noch größer.

Was der Krieg an Menschen übrig gelassen hatte, das raffte zum Teil auch noch die Pest dahin. Ganze Familien und Dörfer starben in dieser Zeit aus.
Es war gut, dass nach dem 30-jährigen Krieg Österreicher, die um ihres evangelischen Glaubens willen aus Österreich vertrieben wurden, auch in unsere Gegend kamen und zum Teil sesshaft wurden. In Kühnhardt heiratet 1655 Matthäus Meyer aus Dollach in der Steyermark die Barbara Strauß von Kühnhardt. Auch eine Familie Steininger aus Österreich findet in Kühnhardt eine neue Heimat.

Schon bald nach dem 30-jährigen Krieg brachten durchziehende Soldaten wieder Unruhe in die Gemeinde, besonders zur Zeit der spanischen Erbfolgekriege und zur Zeit der napoleonischen Kriege. Die Lasten der Einquartierungen lagen schwer auf den Bauern.

Manchmal haben sich in dieser schlimmen Zeit auch lustige Dinge angetragen. So erzählt man in Kühnhardt, dass einmal einige französische Soldaten hungrig in ein Haus eindrangen und nach einer Mahlzeit verlangten. Die Bäuerin und die Magd des Hauses machten sich sogleich daran, eine Suppe zu kochen, die die Magd dann auftrug. Beim Kochen hatten sich aber nun einige Maikäfer in die Suppe verirrt. Die Magd sah sie, als sie die Suppe auf den Tisch stellte, getraute sich aber nicht, die Maikäfer herauszufischen. Voller Angst vor der Strafe der Franzosen flüchtete sich die Magd hinter den Ofen. Da sah sie, wie die Soldaten die Maikäfer mit großem Appetit verzehrten und als alle Maikäfer aufgegessen waren, da verlangten sie von der Magd noch mehr solcher "knacke, knacke".

Obwohl das 19. Jahrhundert für die Bauern aus Kühnhardt nicht gut angefangen hatte, so brachte es doch mache Erleichterung mit sich. So wurde 1831 der Zehnte fixiert. Durch die Fixierung des Großzehnts waren die Bauern der Willkür der Grundbesitzer nicht mehr so ausgeliefert.

An die Stelle des Zehnten traten dann später die Steuern, die heute der bayrische Staat einzieht, zu dem die Gemeinde Mosbach seit 1806 gehört.
Als im Jahre 1871 der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich ausbrach, zogen auch die Männer unserer Gemeinde mit in den Krieg. Mancher davon wurde ein Opfer des Krieges. So auch Karl Fohrer aus Kühnhardt, eine Gedenktafel in der Mosbacher Kirche erinnert uns an seinen Tod, den er bei der Schlacht von Sedan fand.

Auch die beiden Weltkriege in diesem Jahrhundert forderten ihre Opfer. Viele Männer aus unserem Dorf ließen das Leben für das Vaterland.

Die Gemeinde selbst wurde im ersten Weltkrieg nicht bedroht, jedoch am Ende des zweiten Weltkrieges fanden im Wörnitztal mehrere Kämpfe zwischen den fliehenden deutschen Truppen und den Amerikanern statt. Auch Kühnhardt wurde bei diesen Kämpfen zur Hälfte zerstört. Das kam so:
Am 19.April 1945 zogen SS-Truppen von Reichenbach nach Kühnhardt, sie wurden von amerikanischen Panzern verfolgt. Die deutschen Soldaten beschossen diese Panzer nur kurz. Daraufhin nahmen die amerikanischen Panzer Kühnhardt unter Feuer und schossen die Ortschaft in Brand. Drei deutsche Soldaten fanden bei dem Angriff den Tod.

Obwohl die Dorfbewohner, die während des Angriffes in den Kellern und im nahen Wald Schutz gesucht hatten, versuchten alles zu retten, was noch zu retten war, blieb die Bilanz des großen Brandes eine recht traurige. Sechs Anwesen, Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude, das Armenhaus, zwei Korbhäuser (Altenteile) und vierzehn Scheunen waren eingeäschert, drei Wohnhäuser waren beschädigt. Viele Maschinen und landwirtschaftliche Geräte waren vernichtet.

Unter vielen Mühen wurde nach dem Krieg das Baumaterial herbeigeschafft. Im Jahre 1948 wurde dann der Wiederaufbau des Dorfes beendet.

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Das Wirtschaftswunder und seine Auswirkungen in Kühnhardt.

Seit dem Krieg hat sich in Kühnhardt viel verändert. Im Jahr 1950 wurde in Kühnhardt die Kanalisation eingerichtet, die Wasserleitung war schon 1936 in jedes Haus verlegt worden. Nach der Kanalisation wurde noch die Straße durch das Dorf nach Mosbach gebaut und mit einer Teerdecke versehen, ebenso ist eine schöne Teerstraße auch nach Seiderzell gebaut worden. Heute ist das Dorf dabei die Flurbereinigung durchzuführen.

Auch in der wirtschaftlichen Struktur des Dorfes hat sich viel geändert. Nach dem Krieg wanderten viele Menschen in die Städte, wo Fabriken mit hohen Löhnen lockten. In Kühnhardt gab es deshalb keine Knechte und Mägde mehr, während vor dem Krieg die größeren Bauern oft zwei oder drei Dienstboten hatten. So musste der Bauer seine Arbeitsweise ändern. Die Maschinen mussten die fehlenden Arbeitskräfte ersetzen, von der Handarbeit stellte der Bauer sich allmählich auf die Arbeit mit den Maschinen um. Im Laufe der Jahre verkauften zwölf Bauern im Dorf ihr Pferd und kauften sich Traktoren.

Fuhrwerke wurden von Kühen gezogen

Fuhrwerke wurden von Kühen gezogen

Fuhrwerke, die von Kühen gezogen wurden, sieht man heute nur noch ganz selten. Der Bauer bewirtschaftet seine Fläche anders als vorher. Durch die moderne Feldbestellung wurden die Erträge der Felder höher. Die Bauern können dadurch mehr Vieh halten und auch mehr Vieh verkaufen, die Einnahmen wachsen. Viele Bauern aus Kühnhardt spezialisierten sich auf eine gute Milchviehhaltung und erzielen dadurch hohe Erträge.

Der Wohlstand mach sich auch auf dem Land bemerkbar. Was früher auf dem Land als Luxus angesehen wurde, ist jetzt für die jungen Leute auf dem Land selbstverständlich. Viele junge Bauernburschen fahren heute schon ihr eigenes Auto. Auch die Bauernhäuser werden jetzt komfortabler eingerichtet und gestaltet. Manches alte Bauernhaus muss einem neuen Haus weichen. Es bleibt nur übrig zu hoffen, dass die alten Fachwerkhäuser, die es jetzt noch in Kühnhardt gibt noch recht lange die Zierde des Dorfes bleiben.
Außer diesen alten Fachwerkhäusern gibt es noch manche Dinge im Dorf, die auf die lange Geschichte Kühnhardts hinweisen. So steht mitten im Dorf der Maibaum, an dem das Wahrzeichen Kühnhardts, der Schlegel, hängt.

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Das Wahrzeichen Kühnhardts und seine Bedeutung

Der Schlegel - Wahrzeichen von Kühnhardt

Der Schlegel - Wahrzeichen von Kühnhardt

Der Maibaum, der mitten im Dorf neben der Dorflinde steht, hatte schon lange bevor der Schlagel an ihm befestigt wurde, eine Bedeutung für die Bewohner Kühnhardts. Eigentlich müßte der Maibaum Hahnenbaum heißen, weil früher um diesen Baum an der Kirchweih ein Hahn ausgestanzt wurde. Seine größere Bedeutung aber erhielt er erst, als der Schlegel an den Maibaum gehängt wurde. Das kam so:

In früheren Zeiten hatten nämlich die Kreßberger Schäfer auf den Kühnhardter Feldern bis zum langen Weg, der von Kreßberg nach dem Steinweiher führt und damit die Kühnhardter Flur begrenzt, ihre Schafe gehütet. Es kam zu einer Auseinandersetzung zwischen Kühnhardt und Kreßberg, als die Kühnhardter selbst eine Schäferei errichten wollten. Die Kühnhardter wollten nämlich nun nicht mehr, dass die Kreßberger Schäfer ihre Schafe in der Kühnhardter Flur hüteten, die Kreßberger aber wollten an ihrer alten Gewohnheit festhalten. Um den Streit zu schlichten kam man zu folgendem Vergleich: die Kreßberger Schäfer durften nur soweit nach Kühnhardt hüten, bis sie den Wipfel des mitten im Dorf stehenden Maibaumes sehen konnten. Und da die Kühnhardter nicht auf den Kopf gefallen sind, stellten sie einen immer längeren Baum auf und stockten ihn obendrein noch mit einem Stamm auf. Obwohl dieser Vergleich heute längst gegenstandslos geworden ist, weil es weder in Kühnhardt noch in Kreßberg eine Schäferei gibt, halten die Kühnhardter heute noch an diesem Brauch fest. Je länger der Baum ist, desto stolzer sind die Kühnhardter auf ihr Wahrzeichen.

Der Schlegel wurde nach den Hutstreitereien mit den Kreßberger Herren zum Zeichen der Annahme des Vergleiches gestiftet. Der keulenförmige Schlegel aus Eichenholz hat ein solches Gewicht, dass fünf Mann daran zu heben haben. Auch der Schlegel ist der Stolz der Kühnhardter, er ist ein uraltes Rechtssymbol und darf nie abgeschafft werden. So wurde er sicherlich 1790 erneuert, da der Schlegel, der jetzt noch an dem Maibaum hängt, die Jahreszahl 1790 trägt. Wer den Schlegel zersprengt, verdirbt, oder was erst vor ein paar Jahren geschah, in die Mistgrube wirft, muss eine hohe Buße bezahlen.

Der Schlegel hat den Dorfbewohnern früher manchen Dienst erwiesen. Wenn es im Winter sehr viel gescheit hatte, wurde der Schlegel herabgenommen, man spannte dann zwei Ochsen vor den Schlegel und bahnte so den Weg zur Kirche nach Mosbach.

Auf eine andere Art wurde des Schlegel nach dem 30-jährigen Krieg angewendet. Im 30jährigen Krieg waren viele Männer des Dorfes umgekommen. Die wenigen übriggebliebenen Männer wurden nun von den vielen Frauen bevormundet. Die Männer mussten den Frauen gehorchen und wenn die Männer das nicht taten, so geschah es oft, dass die Frauen tätlich wurden. Die Männer wehrten sich schließlich dagegen, sie beschlossen, immer dann, wenn wieder ein Mann von seiner Frau geschlagen wurde, den Schlegel herabzusetzen und ihn vor die Türe des Hauses, in dem die betreffende Frau wohnte, zu legen.

Von dieser Sitte blieb niemand verschont; für jede Frau war es eine große Schande den Schlegel an der Haustüre hängen zu haben. Wenn so eine Frau den Schlegel wieder weg von ihrer Haustüre haben wollte, so musste sie den Männern des Dorfes eine hohe Buße bezahlen. Das Geld wurde dann, nachdem der Schlegel wieder an seinem alten Platz hing, von den Männern vertrunken. Das war eine gute Warnung für jede resolute Frau. Es geschah immer wieder, dass der Schlegel vorübergehend an eine Haustüre gehängt wurde. Als der Bauer Johann Adam Beck im Jahre 1782 von seinem Weibe und deren Mutter beim Heu aufladen geschlagen wurde, ließ er alles stehen und liegen. Er ging zum Bauernmeister und bat diesen, seinem Weibe den Schlegel an die Haustüre zu hängen. Als die Frau die Buße bezahlt hatte, wurde er wieder an den Maibaum gehängt und ist seitdem nie wieder zu diesem Zwecke angewandt worden.

Der Maibaum und der Schlegel haben aber auch heute noch ihren festen Platz im Brauchtum des Dorfes. Ungefähr alle acht Jahre muss ein neuer Maibaum aufgestellt werden, weil der alte dann morsch wird, oft ist es auch schon passiert, dass ein Maibaum durch einen Sturm oder ein Gewitter umgeworfen wurde. Das Wiederaufrichten des Maibaumes ist jedesmal ein großes Fest für die ganze Dorfgemeinde. Nach alter Tradition geht es jedesmal auf die Weise vor sich: Zuerst wird der Baum von den Mädchen mit Girlanden und Papierblumen geschmückt. Um 13 Uhr kommen dann die Männer und Burschen des Dorfes unter der Leitung des Bauernmeisters und holen den Baum, der vor dem Dorf liegt, ins Dorf. Der Baum wird bis zur Dorflinde getragen. Neben der Dorflinde wird er dann in langer mühevoller Arbeit aufgestellt. Lange Stangen und zwei Leiterwagen sind die Hilfsmittel der Bauern beim Aufbäumen des Maibaumes. Steht der Baum fest im Boden, muss noch mit Senkel und Wasserwaage bewiesen werden, ob er gerade steht. Danach wird auch der Schlegel, der jedesmal festlich geschmückt ist wieder an den Maibaum gehängt. Ist auch das geschehen, so singen alle, die zum Fest anwesend sind einige der alten Volkslieder. Besonders beliebt ist das Lied "Kein schöner Land in dieser Zeit". Nach dem Gesang und einer Ansprache, die der Bürgermeister hält, zieht das ganze Volk zum Wirtshaus. Für die Kinder gibt es da je eine Semmel, ein Würstchen und eine Limonade. Für die erwachsenen Leute gibt es Freibier und für die Jugend wird zum Tanz aufgespielt.

Der Kühnhardter Maibaum wird bis zur Dorflinde getragen.

Der Kühnhardter Maibaum wird bis zur Dorflinde getragen.

Mit langen Stangen und Leiterwagen wird der Baum von den
            Kühnhardter Bauern aufgerichtet.

Mit langen Stangen und Leiterwagen wird der Baum von den Kühnhardter Bauern aufgerichtet.

Abschließend wird der festlich geschmückte Schlegel wieder an
            seinen Platz gebracht.

Abschließend wird der festlich geschmückte Schlegel wieder an seinen Platz gebracht.

Zum Fest des Maibaumaufrichtens kommen viele Leute, die früher einmal in Kühnhardt gelebt haben, wieder in das Dorfs zurück. Sie freuen sich darüber, dass sich das Fest des Maibaumaufrichtens noch nicht verändert hat, es ist genauso geblieben, wie es schon früher war. Sie freuen sich besonders darüber, weil sich sehr viel im Dorf verändert hat in den letzten Jahren, weil vieles aus dem Dorf verschwunden ist, was sie in Kühnhardt geliebt haben. Aber durch das Brauchtum, das immer noch dasselbe geblieben ist, finden sie wieder in ihr Heimatdorf zurück.

Kühnhardt durfte durch die Jahrhunderte hindurch die Heimat vieler Menschen bleiben. Die Menschen, die jetzt in Kühnhardt leben, wollen die Heimat erhalten.

Hoffen wir, dass auch ihnen die Heimat erhalten bleibt.

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